3 Fragen an...Clas Beese

Clas Beese ist Gründer und Herausgeber von finletter, dem führenden deutschsprachigen E-Mail-Newsletter für die Fintech-Branche. Er ist Initiator der ersten deutschen Fintech Week, die im Oktober 2016 in Hamburg stattfand. Als Gründungsprofi konzipiert und leitet er Workshops zu Gründung, Innovation sowie Fintech. Neu in seinem Repertoire: übers Scheitern sprechen, denn Ende 2015 trug Clas sein erstes Fintech-Start-up, die Crowdlending-Plattform finmar, zu Grabe.

 

 

Als Herausgeber vom Finletter kennst du die FinTech-Szene in Deutschland seit vielen Jahren. Was sind deiner Meinung nach die zukunftsträchtigsten Geschäftsfelder, in denen sich FinTech-Unternehmen als feste Größe etablieren werden?

Zunächst einmal bedeutet Fintech ja, Finanzdienstleitungen mit Hilfe von Technologie zu erbringen. Wenn wir 25 Jahre nach vorne schauen, dann wird mehr oder weniger überall Technologie für Finanzdienstleistungen eingesetzt. Die Frage ist, wo übernehmen auch Menschen Aufgaben in den Prozessen und wo wird komplett nur Tech eingesetzt. Meine Wette wäre, dass sich regelmäßig wiederkehrende Aufgaben besonders gut automatisieren lassen, z.B. Payments, Kredite, Buchhaltung, Steuererklärungen usw. Es wird von Summen abhängen, wie viel Zeit wir für Kontrollen durch echte Menschen aufwenden werden. Das ist ja auch heute schon so: Meine Baufinanzierung prüfe ich ganz intensiv, den Kontoauszug meines Sparbuchs eher weniger.

 

Deswegen sehen wir auch heute schon begeisterte Nutzer von Fintech im Konsumentenbereich. Hier wird die Digitalisierung für den Geschäftsbereich quasi vorgelebt. Allerdings sehe ich im Geschäftsbereich aus unternehmerischer Sicht die größeren Chancen, da hier einfach noch viel grüne Wiese ist.

 

Auf dem Fintech-Markt können wir gerade ein munteres „Unbundling“ von Finanzdienstleistungen beobachten. Also eine Bewegung weg von der Universalbank, die alle Produkte aus einer Hand anbietet. Was kommen wird, ist das Re-Bundling, also die einzelnen Produkte wieder zusammen zu führen. Ich glaube nicht, dass Kunden für ihre verschiedenen Dienstleitungen überall verschiedene Benutzerkonten auf verschiedenen Oberflächen (Web, Apps, Voice, etc) unterhalten wollen. Hier gibt es sicherlich Chancen, dass sich auch Fintechs als feste Größe etablieren.

 

Maßgeblich ist, glaube ich, das Schlagwort ‚Netzwerkeffekte‘. Nämlich immer dann, wenn der Kundennutzen eines Produktes dadurch steigt, dass weitere Kunden das Produkt verwenden. Ein Beispiel dafür ist Paypal. Je mehr Nutzer auf Paypal sind, umso sinnvoller ist es für die Kunden, Paypal auch zu nutzen. Und eben nicht Paydirekt.

 

Entscheidend bei der Frage nach zukunftsträchtigen Geschäftsfeldern ist also der Punkt, ob es neben den klassischen, abnehmenden Grenzkosten auch Netzwerkeffekte gibt. Eine klassische Universalbank hat eben keine Netzwerkeffekte, weil sie alle Produkte selber macht. Eine Fintech-Bank, die über Re-Bundling externe Produkte einbindet, hat allerdings Netzwerkeffekte: Je mehr Nutzer, desto attraktiver für externe Anbieter. Je mehr externe Anbieter, desto attraktiver für Nutzer.

 

Der Brexit ist beschlossen und sorgt in der Londoner FinTech-Szene nach wie vor für Gesprächsbedarf. Etablierte Banken planen ja bereits die Verlagerung Ihrer Geschäfte in den EU-Raum. Welche Chancen siehst du durch den Brexit für den FinTech-Standort Deutschland?

Natürlich ist der Brexit eine Chance für den Fintech-Standort Deutschland. Zum einen geht es um den lokalen Fintech-Markt, der trotz der Größe nicht besonders attraktiv ist. Wir haben zwar über 80 Millionen Menschen und sind die größte Volkswirtschaft Europas, aber wir sind auch heillos „overbanked“ und die 80 Millionen Menschen entsprechend träge, Innovationen von Fintechs überhaupt anzunehmen. Da sind andere Märkte in Europa attraktiver. Entscheidend für Deutschland ist das Passporting, also das Nutzen einer Banklizenz in einem anderen Mitgliedsland. Und hier wird unsere Finanzmarktregulierung auf einmal zum Standortfaktor. Unsere Finanzmarktaufsicht ist sehr verbindlich und verlässlich, was sicherlich ein Plus ist. Allerdings sind unsere Regularien ja noch für die analoge Finanzwelt gemacht. Bei der Auslegung wünsche ich mir etwas mehr Verständnis für das Kommende und auch etwas mehr Flexibilität.

 

Grundsätzlich sind Fintechs ja viel flexibler, was von Unternehmensgröße, -alterund im besten Fall noch von der Unternehmenskultur abhängt, sodass Fintechs jetzt noch gar nicht reagieren müssen. Ein Fintech mit 30 Leuten kriegt man eben auch in ein paar Monaten auf den Kontinent umgezogen. Insofern hätte der Brexit für mich als Fintech in London zum jetzigen Stand noch gar keine Priorität. Sonst gibt es mein Fintech womöglich gar nicht mehr, sollte der Brexit Realität werden. Denn er ist ja noch gar nicht beschlossen. Wenn ich einen Ausblick wagen darf: Da der Brexit für die gesamte britische Volkswirtschaft so schädlich ist, wird man sich sehr gut überlegen, ob man den Austritt wirklich wagen wird

 

Wie, glaubst du, wird die Bankenwelt in Deutschland in 10 Jahren aussehen?

Anders, ganz anders. Das Automatisieren von Prozessen wird vermutlich noch in zehn Jahren das große Thema sein.

 

Ich glaube, dass es nicht nur wesentlich weniger Filialen geben wird, sondern auch wesentlich weniger Banken. Gerade kleine Banken werden Probleme bekommen, ihre Prozesse zu automatisieren. Denn Automatisierung bedeutet vor allem hohe Fixkosten bei der Einführung und auch noch sprungfixe Kosten bei Anpassungen, aber eben marginale Grenzkosten für jeden weiteren Vorgang oder Kunden. Große Banken haben hier deutliche Vorteile gegenüber kleinen Banken.

 

Für Menschen, die in Banken arbeiten, bedeutet das, dass es darum geht, Prozesse zu modellieren, entsprechende Software zu entwickeln, und diese Prozesse zu überwachen und immer wieder anzupassen. In besonderen Fällen wird es immer noch Berater geben, die dann die Schnittstelle zu den Kunden darstellen. Aber in einer Filiale lächelnd Überweisungsträger entgegen nehmen, wird einfach sehr, sehr teuer.

 

Grundsätzlich werden wesentlich weniger Menschen in der Bankenwelt arbeiten als heute. Paradoxerweise wird sich der Fachkräftemangel von heute auch die nächsten zehn Jahre fortsetzen, Stichwort ‚Softwareentwickler‘, die händeringend gesucht werden.

 

Mein Tipp an Menschen, die in der Finanzwelt arbeiten: Es wird einen entscheidenden Unterschied machen, ob Du „für“ Deine Bank arbeitest oder „an“ Deiner Bank. Der Unterschied ist nur ein Wort, eine Präposition. Die Bedeutung ist immens: „Für“ Deine Bank arbeitest Du, wenn Du in die Prozesse eingebunden bist, am Schalter stehst, Bilanzen analysierst oder Kreditanträge bearbeitest. Das kann digitalisiert werden, und was digitalisiert werden kann, das wird auch kurz über lang digitalisiert werden. Wenn Du „an“ Deiner Bank arbeitest, dann gestaltest, entwickelst und kontrollierst Du (digitale) Prozesse. Und darum wird es zukünftig noch viel stärker gehen. Mein Rat ist also, sich möglichst bald auf die zukunftsträchtige Seite zu schlagen, um von Digitalisierung zu profitieren.

 

Bankpower und finletter stehen (bei der Fintech Jobbörse) seit Oktober 2016 in einer Geschäftsbeziehung.

 

 

 

Das Interview führte Michaela Schnabel -
Business Development Managerin bei Bankpower.